Westliche Hegemonie und ihre Kritiker
Eine Übersicht über zeitgenössische Kritiken an der westlichen Vorherrschaft im internationalen System — von Gramscis Hegemoniekonzept bis zu postkolonialen Perspektiven.
Der Begriff der Hegemonie bezeichnet mehr als bloße militärische oder wirtschaftliche Dominanz. In der Tradition Antonio Gramscis meint er die Fähigkeit einer Klasse oder einer Zivilisation, ihre partikularen Interessen als allgemein verbindliche Normen erscheinen zu lassen. Genau diese Fähigkeit ist es, die westliche Staaten im 20. Jahrhundert in besonderem Maße ausgezeichnet hat.
Gramscis Erbe
Gramsci entwickelte sein Hegemoniebegriff im Kontext des frühen 20. Jahrhunderts, um zu erklären, warum die Revolution in den entwickelten kapitalistischen Ländern ausblieb. Seine Antwort: weil die herrschenden Klassen nicht nur physische Gewalt, sondern kulturelle und intellektuelle Führerschaft ausübten. Die Beherrschten akzeptierten ihre Herrschaft als natürlich.
Dieses Konzept lässt sich auf die internationale Ebene übertragen. Die internationale Ordnung nach 1945 war nicht nur eine Ordnung des US-amerikanischen Militärpräsenz, sondern eine Ordnung amerikanischer Normen, Institutionen und Ideen.
Postkoloniale Kritiken
Die postkoloniale Theorie hat diese Analyse vertieft und auf die historische Dimension der Kolonialgeschichte ausgeweitet. Autoren wie Frantz Fanon, Aimé Césaire und später Gayatri Spivak haben gezeigt, wie tief die koloniale Erfahrung in die epistemischen Strukturen der Moderne eingeschrieben ist.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob der Westen seine Normen in gutem Glauben universalisiert hat. Die entscheidende Frage ist, was dabei ausgeschlossen, unsichtbar gemacht, delegitimiert wurde.